Anfrage zu diesem Werk

Alfred Kubin (Leitmeritz/Böhmen 1877 - Zwickledt bei Wernstein am Inn 1959)

Verbautes Haus

um 1905/10
Aquarell und Deckfarben, weiß gehöht, über Federzeichnung in Tusche
39 x 31,6 cm

Dr. Annegret Hoberg, Kubin-Archiv, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, hat die Echtheit der Arbeit per Mail am 4. August 2014 bestätigt.

Wie der Titel dieser Grafik klar vorgibt, ist ein reales Betrachten einer solchen Architektur unmöglich. Zwei völlig unterschiedliche Gebäude sind übereinander gesetzt, das obere burgähnliche Gebäude zudem im mittleren Bereich in einer Weise geöffnet, die eine klare Zuordnung der einzelnen Bauteile dieses Architekturkomplexes im Detail nicht möglich macht. Im Zentrum dieses oberen Gebäudes befinden sich außerdem, gleichsam direkt auf das Dach des unteren Gebäudes gestellt sowie nach hinten gestaffelt, mehrere weitere burgähnliche Architekturteile. Im vorderen Bereich zudem eine seltsame Bauteilkombination, die sowohl individuell geformte Schornsteine bezeichnen könnte bzw. Summarisch betrachtet sogar Anklänge an eine übergroße menschliche Figur aufweist, die in einem weiten Umhang mit Kapuze gekleidet ist und einen nicht näher definierbaren, schweren Stab in der Hand hält. Die Szenerie wirkt, als ob sich das verschlungen kombinierte Burggebäude gemeinsam mit dieser Formerscheinung in irgendeiner Weise auf das untere Haus gesenkt habe. Diese Architekturformen scheinen ein Eigenleben zu besitzen, eine eigene Gestaltungskraft, die letztlich mehr im Sinne eines selbstständigen Wachstums zu einem solchen „verbauten Haus“ führen kann als durch menschliche Bautätigkeit. Der durchaus aufgeregt seine Äste in den mit seinen Wolkenformen bedrohlich wirkenden Himmel streckende Baum im linken Vordergrund wird zum Zeugen des befremdlichen Geschehens – oder er ist eventuell sogar der Dirigent, der die einzelnen Architekturbestandteile zu einem gemeinsamen neuen Auftritt kombiniert hat. Menschen haben in dieser Szenerie offensichtlich keinen Platz, sie können bestenfalls aus der Distanz eine solche suggestive Vision miterleben.

Peter Assmann


Provenienz: Privatbesitz, Schweiz

Literature: Alfred Kubin, W&K Edition 2014, Ausst.Kat. Shepherd W&K Galleries New York S. 49.