Gustav Klimt (Wien 1862 - Wien 1918)
Stehendes Liebespaar
um 1907-08
Bleistift auf Papier
57,1 x 37,1 cm
Strobl cat.rais. no. 3616
Das stehende, sich umarmende Liebespaar mit dem Titel "Erfüllung" ist die letzte und wohl berühmteste Szene im 1911 vollendeten Mosaikfries des Speisesaals im Büsseler Palais Stoclet, der von Gustav Klimt entworfen und von einem auserlesenen Team von Handwerkern der Wiener Werkstätte realisiert wurde. Ebenso berühmt wie dieses Mosaikfragment ist die lebensgroße Vorlage, die Klimt in mehreren Farben, verbunden mit Gold und Silber, auf Transparentpapier ausgeführt hat. Diese Vorlage wiederum war das Ergebnis von intensiven zeichnerischen Vorbereitungen. Der Großteil der Studien entstand 1907/08, gleichzeitig mit den thematisch verwandten Zeichnungen im Zusammenhang mit dem weltberühmten "goldenen" Gemälde "Der Kuss". In beiden Studiengruppen - deren Grenzen zueinander oft fließend sind - ging es Klimt um die innere Vertiefung des Themas der Liebe zwischen Mann und Frau. In diesen weitgehend autonomen Schöpfungen, die zu den Hauptwerken zumeist eine lose Beziehung aufweisen, geht er mt mit psychologischem Feingefühl auf das subtile Geben und Nehmen zwischen den Partnern ein.
Zu jenen Zeichnungen von stehenden Liebespaaren, die unmittelbar mit der endgültigen Fassung der "Erfüllung" zusammenhängen, gehört die vorliegende Arbeit. Sowohl in dieser Studie als auch in der übergroßen Vorlage werden Mann und Frau von langen Gewändern umhüllt; hier wie dort wird die passiv empfangende Frau von der breitbeinigen Rückenfigur des Mannes, der ihr in seiner muskulösen Anspannung und seiner Vitalität emphatisch entgegengesetzt ist, fast zur Gänze verdeckt. Gleichzeitig gibt es wesentliche Unterschiede: Während Klimt die Polarität Mann/Frau in der Endfassung vor allem durch die feierliche Ornamentik zum Ausdruck bringt, setzt er in der Studie mit sparsamen Linien emotionale und sinnliche Akzente. Der Mann presst die Frau an sich und scheint sein vorgebeugtes Gesicht in ihrem Hals zu vergraben. In ihrem uns zugewandten, trancehaft zurückgelehnten Antlitz wiederum spiegelt sich in wenigen subtilen Strichen die ganze erotische und seelische Anspannung. Demgegenüber zeigt sich die männliche Energie im kräftig gewellten Umriss der angespannten Rückenmuskulatur wie auch in den gestrafften Konturen des körperumspannenden Kimonos. Auf dem Höhepunkt des "Goldenen Stils" seiner Malerei versteht es Klimt als Zeichner wie nie zuvor, das unmittelbar Gesehene formal zu bändigen wie auch sinnlich und spirituell zu beleben.
Provenienz:
Serge Sabarsky Gallery, New York
Literature:
Alice Strobl, Gustav Klimt, Die Zeichnungen Nachtrag, 1978-1918, Salzburg, 1989, Band IX, WVZ Nr. 3616, Abbildung S.163.