Lyonel Feininger (New York 1871 - New York 1956)
Town Hall I
1939
Aquarell auf Papier
35,9 x 53,8 cm
The Feininger Project No. 1187-01-17-13
Echtheitsbestätigung von The Lyonel Feininger Project, NY, Zertifikat Nr. 1187-01-18-13, 18.1.2013.
Das wunderbar harmonisch klingende Aquarell führt uns auf den Marktplatz einer Kleinstadt. In regenschwangerer Atmosphäre präsentiert sich im Zentrum des Blattes das Rathaus mit dem aufragenden Turm. Eine nahezu übersinnliche Erscheinung in seiner durch das sparsam eingesetzte Liniengerüst erzielten Entmaterialisierung. Über die dunkle, von ihm gesetzte Viereckform gliedert der Baukörper auch den Luftraum. Die wenigen azurblauer Akzente im Himmel und in den Fenstern dienen der Reduzierung der Strenge der Zeichnung.
Diese Vision eines Rathauses in seiner transzendenten Wirkung entpuppt sich jedoch als Ergebnis des Erlebens eines realen Bauwerkes, des barocken Rathauses von Treptow an der Rega. Schon 1930 schuf Feininger ein Gemälde (Hess 323), welches sich nahezu identisch in der Komposition zeigt. Doch dankt das Aquarell Town Hall I seine Entstehung nicht der Erinnerung an jenes Bild, sondern Skizzen, die der Künstler während seiner Aufenthalte in der Stadt an der Ostsee in den 1920er Jahren gearbeitet hatte. Seine in die Tausende zählenden Natur-Notizen, die Feininger bei der endgültigen Rückkehr in die USA 1937 im Reisegebäck mitführte, bildeten sein Kapital für die Zukunft. Denn immer wieder sollte er auf sie zurückgreifen, so dass er auch in Amerika die Motive aus seinem in Deutschland verbrachten Lebens künstlerisch neu zu verarbeiten vermochte. Die Dorfkirchen in Thüringen und auf der Insel Usedom, die Gestade an der Ostsee sowie die alten Städte dort, wie Cammin, Greifenberg, Kolberg oder eben Treptow. Somit vermochte Feininger das Fehlen attraktiver Motive nach der Rückkehr in sein Geburtland, welches er immer wieder beklagte, zu kompensieren.
Wolfgang Büche