Lyonel Feininger (New York 1871 - New York 1956)
Der Bahnwärter
1910
Feder in Schwarz, laviert und mit Rosa aquarelliert auf chamoisefarbenem Bütten
30,5 x 24 cm
The Feininger Project No. 11-17-94-115
Echtheitsbestätigung von The Lyonel Feininger Project, NY, Nr. 11-17-94-115, vom 28.2.2013
Von 1908 bis 1912 weilte Lyonel Feininger jeweils während der Sommermonate im Seebad Heringsdorf auf Usedom. Des Künstlers besonderes Interesse galt, neben dem mondänen Strandleben sowie den Ostseefahrzeugen, der Inselbahn. Vor allem die Jahren 1910/11 erbrachten einen reichen Ertrag an Zeichnungen von Eisenbahnen sowie den Bahnanlagen. In
diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass den Lokomotiven zumeist Bahnarbeiter zugeordnet sind – Lokführer, Heizer, Gleisarbeiter oder Signalwärter.
In unregelmäßigen Strichen ist das Motiv umrissen, während Schraffuren, lavierte Bildbereichen sowie sparsamste Farbsetzungen der Komposition eine Struktur verleihen. In der Lokomotive ist noch Feiningers Hang zur Vermenschlichung der dinglichen Umwelt spürbar. Doch mit dem Bahnwärter, der einem Soldaten gleich dem vorbeifahrenden Zug zu salutieren scheint, kündigt sich Neues an. Des Künstlers Figuren Tableau war zunächst im Wesentlichen von den eigenen Karikaturen beeinflusst – in den sogenannten „Mummenschanzkompositionen“ agieren phantasievoll maskierte oder biedermeierlich kostümierte Personen in topographisch bestimmten, jedoch unwirklich anmutenden Kulissenräumen. Ab 1906 finden sich im zeichnerischen Œuvre des Künstlers zunehmend schnelle Figurenstudien. Besonders in Paris skizzierte Feininger auf den Straßen und Plätzen der Stadt ein Spiegelbild der Gesellschaft – Arbeiter, Polizisten, Prostituierte, Jesuiten, Künstler und Dichter, Herren und Damen der feinen Gesellschaft oder Kinder begegnen uns, oftmals zu mehreren auf einem Skizzenblatt festgehalten. Aus diesem Reservoire an Figurentypen, die den feinen Humor ihres Schöpfers nicht verleugnen können, bediente sich Feininger nun verstärkt bei der Erarbeitung seiner Komposition.
Wolfgang Büche